Europa – das verkannte Glück

Warum reden viele Menschen unsere Gegenwart schlecht? War früher wirklich alles besser? Das Leben schöner, die Liebe freier und die Lieder lustiger?

Zuversicht

Das fragte der französische Philosoph Michel Serres im Jahr 2017 seine Leser. Er war 87 Jahre alt, und doch wandte er sich voller Energie, Witz und Weisheit gegen alte und junge Nörgler und bat die Jugend und die Junggebliebenen, sich die

Exoskelett
EIN EXOSKELETT ERMÖGLICHT EIN LEBEN MIT NEUEN OPTIONEN
Zuversicht zu bewahren und ihr Leben nicht durch Schwarzmaler verdunkeln zu lassen. Und anders als in früheren Jahrhunderten, wo es angesichts der hohen Sterblichkeit ratsam schien, von vorneherein seine Zuversicht rechtzeitig auf das Jenseits zu richten – nicht zufällig trägt eines der bekanntesten Kirchenlieder den Titel „Jesus, meine Zuversicht“ – dürfen wir heute Lebenden diese Zuversicht durchaus auf unser irdisches Dasein richten. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist vor allem in Industriestaaten so hoch, dass sich Zuversicht auch gesundheitlich bemerkbar machen kann: Zuversichtliche Menschen leben besser und länger – das haben neuere Untersuchungen erwiesen.[1] Aber nicht nur in der Medizin, sondern in vielen Wissensbereichen gibt es durchaus Entwicklungen, die uns zuversichtlich stimmen dürfen. Gewiss, all der Fortschritt ändert nichts daran, dass wir alle sterben, aber doch wie anders noch als vor wenigen Jahrzehnten! Die Palliativmedizin hat heute Mittel und Möglichkeiten, sie nimmt der letzten Reise den Irrsinn, die Schmerzen, den Schrecken und die Angst. Wie anders musste der Mensch seinem Ende einst entgegenblicken. So bangte der spätmittelalterliche Dichter Oswald von Wolkenstein (um 1377 geboren, gestorben 1445) im ersten seiner Klagelieder:

„Mir vergeht das Herz in meinem Leib
und bricht aus schwerem Bangen,
denke ich an den bitteren Tod,
den Tag, die Nacht, den Morgen –
ach, welch angstvolle Pein! –
und ich weiß nicht, wohin meine arme Seele zieht.“[2]

Es dringen hier nicht nur Ängste um die Seele durch, sondern auch Furcht vor „der Pein“ des körperlichen Vergehens. Die moderne Medizin, so sie denn verfügbar ist, kann uns diese Ängste vor dem Grauen des körperlichen Vergehens weitgehend nehmen – und so gibt es gute Gründe, im Hier und Jetzt zuversichtlich zu sein.

Das ist allerdings leichter gesagt als getan angesichts der Dauerkrisen rund um den Globus, angesichts der Diktatoren, die ihre Nachbarn mit Krieg überziehen und im Innern jede Diskussion mit Gewalt und Zwang ersticken. Und als wäre das nicht Herausforderung genug, müssen sich alle Gesellschaften weltweit mit der digitalen Revolution

zukunft
SCHON LANGE FÜTTERN WIR DIE KI MIT UNSEREN DATEN UND ERSCHAFFEN DAMIT IHRE INTELLIGENZ
auseinandersetzen, die noch längst nicht an ihr Ende gekommen ist. Diese Revolution hat mit der Künstlichen Intelligenz eine Art Superhirn geschaffen, dessen riesige Datenspeicher, die wir selbst, freiwillig oder nicht, gefüllt haben, Unge - heuer freilassen mögen, von denen wir uns heute noch nicht einmal träumen lassen. Es ist längst eine Binsenweisheit: Kein Lebensbereich bleibt vom Digitalen unberührt. Und was das bedeutet, erkunden wir gerade erst mit kleinen Schritten, sehen die gewaltigen Vorteile und erfahren ebenso die Schattenseiten, wenn Arbeitsplätze wegfallen oder Betrüger und politische Propagandisten sich die digitalen Mittel zunutze machen.

herausforderung-zukunft
NEUE TECHNOLOGIEN ERÖFFNEN NEUE PERSPEKTIVEN – WELTWEIT

Und noch eine große Herausforderung: Es wurde in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher, dass die Menschheit nicht weiter mit den Ressourcen so umgehen darf, wie sie es bisher getan hat, wenn sie am Überleben interessiert ist. Viele Hoffnungen, die in früheren Zeiten naiv mit dem technischen Fortschritt verbunden waren, entpuppten sich mindestens als zweischneidig. So fantasierte der marxistische Philosoph Ernst Bloch in seinem 1959 erschienenen Buch mit dem sprichwörtlich gewordenen Titel „Prinzip Hoffnung“, dass einige hundert Pfund Uranium ausreichen würden, die Sahara sowie die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordamerika, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln. Ähnlich verblasen waren auch die Erwartungen an die automobile Zukunft und die „autogerechte Stadt“, als man schlicht vergaß, dass alle Technik in erster Linie menschengerecht zu sein hat.

Widrigkeiten aller Art bedrängen uns aus der Ferne wie in der Nähe. Und die Frage ist, wie man angesichts der komplexen Konflikte einen kühlen Kopf bewahren kann und nicht verzweifelt und Zuflucht bei falschen Propheten sucht, die uns vorgaukeln, sie seien im Besitz einfacher und bequemer Lösungen. Damit ist schon klar, dass Zuversicht als einflussreicher Faktor nicht nur im Leben des Einzelnen, sondern für die Entwicklung des sozialen Zusammenlebens wirkt. Neurologen konnten vor einiger Zeit sogar den „Sitz des Optimismus“ im Hirn ermitteln.[3] Damit ist Zuversicht noch nicht neurochirurgisch ohne Weiteres herstellbar oder manipulierbar, immerhin hat die Medizin damit einen Ansatzpunkt. Ob das zuversichtlich stimmen sollte, sei dahingestellt: Alles kommt darauf an, wie die Menschheit politisch mit solchen Möglichkeiten umgeht. Dass mangelnde Zuversicht aber echtes Leiden verursacht und die Lebensfreude vertreibt, steht außer Frage. Zuversicht ist wie Licht: Es ist notwendig fürs Leben, kann aber auch blenden und verblenden.

Und noch eine große Herausforderung: Es wurde in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher, dass die Menschheit nicht weiter mit den Ressourcen so umgehen darf, wie sie es bisher getan hat, wenn sie am Überleben interessiert ist. Viele Hoffnungen, die in früheren Zeiten naiv mit dem technischen Fortschritt verbunden waren, entpuppten sich mindestens als zweischneidig. So fantasierte der marxistische Philosoph Ernst Bloch in seinem 1959 erschienenen Buch mit dem sprichwörtlich gewordenen Titel „Prinzip Hoffnung“, dass einige hundert Pfund Uranium ausreichen würden, die Sahara sowie die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordamerika, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln. Ähnlich verblasen waren auch die Erwartungen an die automobile Zukunft und die „autogerechte Stadt“, als man schlicht vergaß, dass alle Technik in erster Linie menschengerecht zu sein hat.

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